Juhu, wir haben eine Qualitätsdebatte!

Posted by on Jul 14, 2014 in Allgemein | 2 Comments

Datenjournalismus ist nicht billig oder schnell zu haben. Wird mal wieder Zeit, dass es jemand sagt. Und sich gegen die Welle von nichtssagenden, irreführenden oder banalen Arbeiten stemmt, die uns in letzter Zeit belästigen. Alberto Cairo hat dazu einen lesenswerten Blogpost geschrieben. Der Mann ist vom Fach – Professor für Infografik und Multimedia-Journalismus in Miami –  und gerade richtig enttäuscht:

„Versprochen haben sie Journalismus auf der Basis gründlicher Erwägung von Fakten und Daten – aber präsentiert haben sie ein paar Geschichten mit dünner Beweislage.“

Pseudo-Daten: Kidnappings ohne Ortsangabe werden der Haputstadtregion zugeordnet.

Pseudo-Daten: Kidnappings ohne Ortsangabe werden der Hauptstadtregion zugeordnet.

Die Kritik richtet sich vor allem gegen FiveThirtyEight und Vox, zwei Websites aus den USA, beides lehrreiche Beispiele, wenn es um  Versuch und Irrtum  bei der Erneuerung des Journalismus geht. Für die US-Avantgarde gehört Datenjournalismus ganz selbstverständlich dazu.  Zahlen, Analysen, Grafiken treiben viele ihrer Geschichten voran. Soweit eine gute Nachricht – wenn die Zahlen aussagekräftig, die Analysen korrekt, und die Grafiken nicht trivial sind.

Cairo findet erschreckend viele Beispiele, die bei dieser Prüfung durchfallen. In diese Kategorie gehören windige Prognosen wie diese: eine Mehrheit gegen die Todesstrafe könnte es in den USA im Jahr 2044 geben. Oder die abgebildete Karte, auf der Entführungen in Nigeria eingezeichnet sein sollten. Allerdings fehlt bei den meisten Entführungen eine präzise Ortsangabe – nur deswegen sieht es so aus, als sei die Hauptstadtregion am Meisten betroffen. Die Grafik hat noch andere gravierende Schwächen, eingezeichnet sind zum Beispiel Berichte über Entführungen, nicht die Entführungen selbst.

In bester Digitaljournalismus-Tradition haben die Macher von FiveThirtyEight alle Fehler und Probleme nachträglich im Artikel selbst erklärt – und aus dem eigenen Versagen wenigstens noch ein Lehrbuch-Beispiel für fehlgeleiteten Datenjournalismus gemacht.

Sieht aus wie Datenjournalismus, ist aber 
nur eine Irreführung. (Quelle: mabb)

Fehler eingestehen und öffentlich machen – das ist noch so eine US-Tradition, die wir uns abschauen können. Denn auch bei uns gibt es noch zu viel datenjournalistischen Unfug – links ein kleines Beispiel aus einer vor kurzem veröffentlichten Studie über die Entwicklung digitaler Medien, peinlicherweise finanziert mit Rundfunkgebühren. Der große rosa Kreis (steht für 233 Sender) müsste etwa viermal so groß wie der kleine graue (steht für 60 Sender) – er ist aber mehr als 10 Mal so groß, wie die Fotomontage im kleinen Bild zeigt. Irreführend ist aber noch vergleichsweise harmlos. Andere Grafiken dieser Produktion sind entweder unverständlich oder falsch.

Bei allem Ärger über schlechtes Handwerk –  gut ist, dass jetzt eine Diskussion über die Qualität von datenjournalistischen Produktionen beginnt – erst einmal in den USA, aber das schwappt sicherlich auch bald zu uns herüber. Die Qualitätsdebatte ist ein Zeichen dafür, dass Datenjournalismus sich als Handwerkszeug des digitalen Journalisten zu etablieren beginnt.

Wo mehr passiert, passieren auch mehr Fehler – gleichzeitig gibt es mehr Aufmerksamkeit, um Fehler zu bemerken, zu korrigieren und aus ihnen zu lernen. So entsteht Qualität. Durch das Eingeständnis, das niemand unfehlbar ist, Arbeit an den eigenen Standards, der eingehenden Beschäftigung mit einem Thema, plus  kreativer und trotzdem präziser Darstellung.

Und es ist immer wieder schön, mit Redaktionen zusammenzuarbeiten, die das genau so sehen.

2 Comments

  1. Pippilotta
    2014-07-14

    Danke für den Artikel und auf den Link zum Blog von Alberto Cairo. Ja, eine Qualitätsdebatte im Datenjournalismus ist dringend notwendig. Denn um Daten hochwertig und sinnvoll zu analysieren ist es eben nicht damit getan, dass ein Journalist mit einer Excel-Tabelle ein Online-Tool füttert, das dann eine interaktive Grafik ausspuckt. Zu einer aussagekräftigen Datenanalyse gehören Kenntnisse über Erhebungsformen und Gütekriterien von Daten, gehört Wissen darüber, wer befragt wurde und wie verallgemeinerbar die Zahlen sind (Repräsentativität), auf welche Art die Daten erhoben wurden und was sie eigentlich abbilden (Zitat: „Berichte über Entführungen, nicht die Entführungen selbst“). Zur Auswertung gehört Wissen über den Umgang mit fehlenden Werten (Zitat: „Kidnappings ohne Ortsangabe werden der Hauptstadtregion zugeordnet“), über grundlegende statistische Maßzahlen, den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität und über den sinnvollen Einsatz von Grafiken je nach Datenqualität und -lage, sowie Kenntnisse darüber, was man besser nicht tun sollte, wenn man die Aussage nicht verzerren oder verfälschen will (Zitat: „… müsste etwa vier mal so groß [sein] wie der kleine graue, … er ist aber mehr als zehn mal so groß…“). Und nicht zuletzt ist zur Einschätzung der Datenqualität und zur Interpreation der Ergebnisse Fach- und Kontextwissen zu den Daten erforderlich.

    Das alles ist kein Hexenwerk, lässt sich aber auch nicht mal eben aus dem Ärmel schütteln. In einschlägigen Studiengängen wie Soziologie, Psychologie oder Wirtschaftswissenschaften lernt man den Umgang mit Daten (Erhebung, Analyse, Auswertung, Interpretation) über mehrere Semester. Wer ernsthaft „Datenjournalismus“ – d.h. Journalismus auf der Basis von Datenanalysen – betreiben und die Ergebnisse als Fakten verkaufen will, sollte nicht nur gut Geschichten erzählen können, sondern zumindest über grundlegende Kenntnisse in Datenanalyse verfügen; alles andere ist schlicht fahrlässig.

  2. Pippilotta
    2014-07-14

    Korrektur:
    Danke für den Artikel und _auch_ den Link zum Blog von Alberto Cairo.