Der Zerfall der Printmedien

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Ist Print tot? Gibt es das große Zeitungssterben in Deutschland? Ganz im Gegenteil, schallt es den Kritikern entgegen, das Bedrucken von Papier bleibt ein Milliardengeschäft – Smartphones und E-Readern zum Trotz. Wahr ist: Das alte Medium bricht unter dem Ansturm des Neuen nicht überall zusammen. Viele Publikationen schlittern rapide der Bedeutungslosigkeit entgegen, ein paar allerdings erreichen ein wachsendes Millionenpublikum.

Wir haben einen spielerischen Blick auf die Daten geworfen, um ein klareres Bild zum Zeitungssterben in Deutschland zu bekommen: Zeitungen und Magazine, so unsere Hypothese, unterliegen einem natürlichen Zerfallsprozess – ähnlich wie Uran oder Plutonium, nur schneller. Herausgekommen ist eine kleine Grafikserie mit Halbwertszeiten, von der ADAC Motorwelt (die Auflage halbiert sich, Skandal hin oder her, nur etwa alle 2.000 Jahre) bis zum Micky-Maus-Magazin (Halbwertszeit: 5 Jahre).

In der Summe kann gesagt werden: Besonders schlecht geht es Programm- und Jugendzeitschriften; Wochen- und Sonntagszeitungen halten sich ganz gut. Unter den Tageszeitungen ist das Bild gemischt, vom Donaukurier (über 800 Jahre) bis zur Bild-Zeitung (16 Jahre) ist alles dabei.

Lizenz zum Weiterverwerten

Grafik, Daten und Sourcecode stellen wir zur freien Weiterverwendung zur Verfügung. Sie können bspw. die Kurve Ihrer Lieblingspublikation auf Ihrem Blog oder in Ihrer Website einbetten oder neue, vielleicht bessere Modellierungsverfahren auf die Daten anwenden, oder das Ganze für ein anderes Land durchspielen. Auf jeden Fall würden wir uns dann freuen, von Ihnen zu hören, per Twitter @opendatacity oder Mail.

Methode

Unsere Verfalls-Prognose basiert auf einer exponentiellen Regression. Das bedeutet: Wir gehen davon aus, dass die Auflage in einem konstanten Zeitraum immer um denselben Faktor wächst oder schrumpft, und berechnen dann eine Kurve, die den geringsten Unterschied zu den bestehenden Punkten aufweist.

Sterbende Publikationen nähern sich der Null, erreichen sie aber nie. Weil wir nicht pauschal sagen können, ab welcher Auflage sich das Drucken nicht mehr lohnt, können wir kein Einstellungsdatum vorhersagen.

Datengrundlage sind alle Zeitungen und Zeitschriften, die ihre Auflagen an die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW, Wikipedia-Artikel) übermitteln.  Das ist der Goldstandard für gedruckte Publikationen in Deutschland.

Es handelt sich um die Verbreitungszahlen, also Einzelverkauf plus Abonnementverkauf plus sonstiger Verkauf plus Freiexemplare minus nicht verkaufte Exemplare (Remittenden). Die Daten werden quartalsweise erhoben. Publikationen, die mindestens einmal mehr als 25.000 Exemplare in dieser Kategorie gemeldet haben, wurden in die Grafikstrecke aufgenommen. In den meisten Fällen reichen die Daten vom 1. Quartal 2001 bis zum 3. Quartal 2014 .

Kirchenzeitung für das Erzbistum KölnAusreißer, die unsere Berechnungen zum Zeitungssterben in Deutschland in ein schlechtes Licht rücken könnten,  haben wir nicht herausgefiltert (siehe Beispiel links). Skepsis ist immer eine gute Sache. wenn es um Statistiken und Grafiken geht – es ist ja durchaus möglich, dass die von uns gewählte exponentielle Regression den Verfall nicht in allen Fällen adäquat beschreibt, oder dass eine Publikation den Trend umkehren kann und aus Verfall Wachstum wird – oder umgekehrt.

Auch die Daten können irreführend sein. Es gibt Ausreißer durch Sonderausgaben, Fehler bei den Verlagen oder Übertragungsfehler. Wir haben versucht, Fehlerkorrekturen durch die IVW zu berücksichtigen, das hat aber nicht in allen Fällen funktioniert. Eine manuelle Kontrolle und Korrektur wäre zu aufwendig, mit einer automatischen Glättung der Daten hätten wir riskiert, korrekte Daten zu verfälschen.

Hier noch ein paar Ergebnisse unserer Arbeit, die wir sehr interessant fanden:

 

11 Comments

  1. fineprint
    2015-01-05

    Wäre es möglich, das ihr die reguläre Textgröße im Blog erhöht? Das ist etwas zu fipselig und schwer lesbar. Ich danke euch.

    • yetzt
      2015-01-05

      Dein Browser ermöglicht Dir, die Textgröße selbstbestimmt zu verändern, vermutlich mit cmd-+ oder ctrl-+.

  2. Linkdump vom Mo, 05. Januar 2015 bis Di, 06. Januar 2015 Links synapsenschnappsen
    2015-01-06

    […] OpenDataCity » Der Zerfall der Printmedien […]

  3. Zeitungssterben in Deutschland - neunetz.com
    2015-01-06

    […] Philipp Bock auf OpenDataCity: […]

  4. Zeitungen: Was Zahlen sagen – und was nicht | UNIVERSALCODE
    2015-01-07

    […] vom Team von “Open Data City” entwickelte App kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Was zum einen damit zu tun hat, dass sie jeweils […]

  5. Die Halbwertszeit von Zeitungen & “Borkwalde bloggt” « webfischerei
    2015-01-09

    […] statt Märkischer Allgemeinen einfach eine andere Zeitung ein. Darüber hinaus bietet OpenDataCity Hintergrundinformationen zu seiner Spielerei mit ernstem […]

  6. We're fucked. | G! gutjahrs blog
    2015-01-13

    […] Den Titel einer Zeitung/Zeitschrift ins Suchfeld tippen (Lupe) – Visualisierung von OpenDataCity […]

  7. Let's face it, journalists: We're fucked. | G! gutjahrs blog
    2015-01-14

    […] Type in the title of a German newspaper or magazine – A project by OpenDataCity […]

  8. Gachmuret
    2015-01-14

    Ein schönes Beispiel dafür, dass es sich hier eben auch nur um Spielerei handelt, ist die Financial Times Deutschland. Ihr berechnet eine Halbwertszeit von mehreren hundert Jahren – und tatsächlich erscheint sie seit über zwei Jahren nicht mehr.
    Zeigt eben auch: Auflage ist nicht alles…

    • yetzt
      2015-01-15

      wir machen datenjournalismus und eben keine weissagungen. wir treffen keine aussage darüber, wann ein medium eingestellt wird oder nicht mehr rentabel ist, da es dazu keine datenbasis gibt. die ftd, bei der martin virtel aus unserem team zuvor tätig war, diente uns sogar als testcase, ob anhand der auflagenzahlen eine aussage möglich ist, was wir verneinen mussten. darum steht hier die halbwertszeit als datum, um die tendenzielle entwicklung der auflagenzahlen vergleichbar zu machen, nicht jedoch ein „todesdatum“ oder andere aussage bezüglich der rentabilität der publikationen.