All about Kontext – Der Sperrbildschirm als neue App

Posted by on Jun 2, 2017 in Allgemein | No Comments

Und mal wieder schreibe ich vom Abgesang der Apps. Schleichend aber stetig zeigt sich bei iOS, Android und Co. ein klarer Trend: Das Smartphone wird “context-aware”, versteht also, was der Nutzer will. Für Journalisten heißt das: Schon wieder Umlernen – wie kann Inhalt z. B. auf einer interaktiven Kachel auf dem Sperrbildschirm präsentiert werden?

Folie von Martin Koper beim NewsCamp in Augsburg (Newsfactory GmbH)

Folie von Martin Koper beim NewsCamp in Augsburg (Newsfactory GmbH)

Mein Medium-Beitrag zum Abgesang auf die Apps zeigt bereits (polemisch zugespitzt) das Grundproblem, auf das wir zusteuern: Die Installation von Apps lässt rapide nach. Die am meisten genutzten Apps, wie WhatsApp oder auch der Facebook Messenger, dienen der Interaktion zwischen Menschen. Jeder Inhalt ist dabei ein Stück Kommunikation und somit in einem Conversational OS abbildbar.

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung, die sich gerade im OS-Design beobachten lässt: Hier verschmelzen mit der Kachellogik (Google Now) einerseits und Push-Notifications andererseits zwei Trends. Schleichend hat sich in den vergangenen Jahren im Android-Betriebssystem (und in Teilen auch im Apple-Pendant) so eine neue Art von Inhaltspräsentation und Interaktionsmöglichkeit durchgesetzt. Mehr und mehr Informationen werden nicht mehr in der App, sondern in Kacheln auf dem Sperrbildschirm dargestellt. Eine Push-Nachricht informiert nicht mehr bloß, sondern ermöglicht darüber hinaus die direkte Reaktion, so zum Beispiel eine Antwort zu schreiben oder einen Beitrag zu bewerten.

Apps werden unsichtbar, Assistenten durch Kachel-Logik präsenter

Dahinter steht die Idee, die App langsam unsichtbar zu machen und die Assistenz-Funktion des Telefons auszuspielen. Das Mobilgerät wird künftig wissen, welcher Inhalt auf dem Display zu welcher Zeit zu erscheinen hat. Vorbote dieses neuen Bedienkonzeptes war Google Now auf dem “nullten” Screen des Telefons. Verschiedenste Informationen, vom Reiseplan mit Flugverspätung, dem kommenden Verkehr oder auch Artikelempfehlungen, zeigt Google Now einen Fluss an Nachrichten gesammelt an einem Ort an. Bemerkenswert hierbei: Auch für Drittanbieter wie z. B. myTaxi ist es möglich, in diesem Content-Stream aufzutauchen und Interaktionen auszulösen. Bis heute gibt es allerdings nur wenige Anbieter, die das proaktiv nutzen.

“Klassisch” ist es die Push-Nachricht, die den Nutzer aktiv auf neue Inhalte hinweist und Interaktionen triggert. Untersuchungen zeigen deutlich, dass speziell journalistische Anwendungen auf Telefonen ohne aktivierte Push-Funktion kaum geöffnet werden. Visuelle Erinnerung sind dagegen wahre Traffic-Bringer. Gutes Beispiel hierfür sind Bot-Nachrichten-Dienste wie Resi oder der NoviBot, für deren Zugriffszahlen hauptsächlich die Push-Notifications verantwortlich sind.

Selbstbeobachtung – der Kontext-Screen wird wichtiger

Ich liebe Statistiken und erfasse alle möglichen Aspekte meines Lebens automatisch. Meine Schritte, meine Schlafzeiten, meine Wegstrecken, Atemrate und Pulsfrequenz – und auch die Nutzung von Apps auf meinem Smartphone. Seit ein paar Monaten führt ungeschlagen keine App, sondern der Sperrbildschirm die “Bestenliste” der Akkufresser an. Die Datenlage deckt sich mit meiner subjektiven Beobachtung: Ich nutze mein Android-Telefon mehrheitlich nur noch über den Sperrschirm, beispielsweise um zu sehen, welche Mails neu reingekommen sind, um Interaktionen auf Twitter zu tätigen oder auch Terminerinnerungen zu erhalten. Der Trend ist seit längerem zu erkennen und seit knapp 6 Monaten ist mein Telefon mehrheitlich ein Kontext-Gerät.

Nirgendwo habe ich diese Gedankengänge so bestätigt gesehen wie bei Microsoft in Seattle. Dort war ich vor ein paar Monaten in einem Testlabor, in dem Microsoft künftige Visionen anhand von Arbeitssituationen, Meetings oder auch dem smarten Wohnzimmer real anfassbar präsentiert. Am meisten beeindruckt hat mich aber folgendes Szenario: Ein Straßenkaffee, am Tresen das Plakat einer Band, die an zwei Tagen spielt. In der Microsoft-Version holt der Besucher sein Telefon aus der Tasche. Durch die spezifische Bewegung erkennt das Telefon, dass der Besitzer ein Foto machen will und macht dies, ohne, dass eine App geöffnet werden muss. Nach der Aufnahme wird das Bild semantisch analysiert (auf der Google IO ist eine vergleichbare API ebenfalls vorgestellt worden), die Termine herausgefiltert, die Terminkalender vom Telefonbesitzer und seiner Freundin abgeglichen und das Ticket automatisch gekauft. Der Nutzer sieht nur die Meldung: “Ich habe dir 2 Tickets für übermorgen gekauft – soll ich die zurückgeben?”

Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, in welche Richtung die Reise geht – Bedürfnisse werden in unstrukturierten Umgebungen assistierend vom Mobiltelefon oder anderen Geräten erkannt und bedient. Das klingt auf den ersten Blick bedrohlich, zeigt aber auch den Weg, den wir gerade beschreiten: Entscheidungen werden für mich vorentschieden, ob nun bei der personalisierten Nachrichtenauswahl oder bei der personalisierten Auswahl von Produkten des Alltags. Letztendlich muss ich als Nutzer die Angebote aber nur noch deaktivieren anstelle eines vorherigen aktiven Dialogs.

Bloße Aufmerksamkeit durch Push-Nachrichten wird nicht mehr reichen

So weit sind wir noch lange nicht, dennoch glaube ich, dass sich Journalisten schon jetzt Gedanken machen sollten, wie ihre Inhalte so aufbereitet werden, dass sie leicht konsumierbar und nahtlos in solche Zukunftsszenarien eingebunden werden können. Dafür ist es notwendig, die komplette Logik eines “traditionellen” Artikels zu hinterfragen. Es wird nicht mehr reichen, mit der Push-Notification Aufmerksamkeit zu erregen, der komplette Inhalt sollte auf der Kachel darstellbar sein. Das kann ein kurzer textlicher Teaser sein, der sich beim Runterscrollen in ein Video wandelt oder auch in ein Audio, dass dann über die smarten Boxen in der Wohnung oder dem Connected Car ausgegeben werden.

Gleichzeitig gilt es, nicht weiter das Vertrauen der Nutzer zu verspielen, denn: Werden Push Notifications schlecht bespielt, deaktiviert sie der Nutzer schnell. Umgekehrt: Werden die push notifications aber richtig eingesetzt, werden sie zu einem wertvollen Begleiter und ermöglichen Publishern einen Platz im Leben des Nutzers. Die Umsetzung einer “guten” Push-Notification-Strategie ist aktuell nicht einfach, denn noch sind sie meist nur dumme Textmeldungen. Was fehlt sind tiefergehende und kontextbasierte Reaktion auf die aktuellen Umstände und Interessen des Nutzers.

Das Beispiel des Ticketkaufs passiert, ohne dass eine App aktiv aufgerufen werden oder der Nutzer einen Kaufvorgang einleiten muss. Der gesamte Vorgang findet nur noch auf dem Sperrbildschirm statt, die Technologie wandert auf den “Contextual First Screen” und mit ihr auch die Aufmerksamkeit des Nutzers. Zukünftig müssen sich Journalisten daher sehr viele Gedanken über das “Wie” der Bespielung des Sperrbildschirms machen. Wir experimentieren unter anderem mit einer dauerpräsenten Nachrichtenkachel, die kontextbasiert mit gerade passenden Inhalten bespielt werden kann.

Tipp: Wer auf dem Laufenden bleiben will, was andere Medien so machen, sollte unbedingt dem Twitter-Projekt @pushthepush von Martin Hoffmann und Theresa Rentsch folgen. Für noch mehr Infos: Wir erforschen gerade mit xMinutes die kontextbasierte Ausspielung von Inhalten – die richtige Nachricht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Außerdem verabschiedet sich der von mir hochverehrte Walt Mossberg mit einer Kolumne über Ambient Computing  in den verdienten Ruhestand – lesenswert!